newsseite
18. April 2004 UC-Hauptseite Forum Impressum Nr. 37 / 16. Woche

Happy Birthday Spam - Oder wie Richard Stallman Spam verteidigte

IT-Geschichte von Susanne Fiedler

Spam, nichts ist lästiger in unseren modernen Zeiten. Wer kam aber zuerst auf die Idee einer Spammail? Begeben wir uns also auf eine Reise zum Ursprung des Spammens.
In diesen Tagen wird häufig des 10. Geburtstages der ersten Spam-Mail gedacht. Am 12. April 1994 schickte Laurence Canter ein Posting ab, in dem er die Green Card Lottery für seine Rechtsanwaltskanzlei bewarb, die auch einen Immigrationsservice anbot. Natürlich war das keine Spammail im heutigen Sinne, denn sein Ziel war damals das Usenet. Mittels eines Perlscriptes schickte er sein Posting an alle Newsgroups. Er erreichte damit einen Mehrumsatz in seiner Kanzlei zwischen 100 000 und 200 000 Dollar, doch entfachte er auch einen Sturm wütender Reaktionen.

Obwohl Canter immer noch der Meinung ist, dass seine damalige Handlung richtig war, brachte sie ihm nicht nur Geld ein, sondern in der Folge weiteren Spams auch ein Berufsverbot als Anwalt. Er arbeitet heute als Softwareentwickler. Doch ist mit diesem kleinen Posting schon die Geschichte des Spams erzählt? Nein! Canter gilt als der Vater des modernen Spam, weil sein Posting in den Reaktionen Spam genannt wurde.

Und selbst das ist nicht richtig. Bereits am 18. Januar desselben Jahres war in jeder Newsgroup des Usenets folgende Nachricht zu lesen: „Global Alert for All: Jesus is Coming Soon.“ Gesendet hat sie der Sysadmin der Andrews University, Clarence Thomas.
Aber er kannte anscheinend nicht alle Möglichkeiten der Newsgroups, sodass kurz darauf in einer Unix-Konferenz der Spruch "Jesus is coming and he doesn't know how to crosspost" die Runde machte.

Woher kommt der Begriff Spam?

Spam ist eine Abkürzung für Spiced Ham und der Name eines Frühstücksfleisches der Firma Hormel. Für seinen Weltruhm ist die Komikertruppe Monty Python verantwortlich mit einem Sketch des "Flying Circus": Ein Ehepaar betritt ein Restaurant und egal, welches Essen sie bestellen wollen, jedes Gericht, selbst der Hummer, wird penetrant mit viel Spam serviert umrahmt von einem Gesang: "Spam. Spam. Spam. Lovely Spam! Wonderful Spam!"
Allerdings gibt es Hinweise, dass das Wort Spammen schon viel früher im Bereich der MUDs, einem Multiuser shared Environment auftauchte, das früher hauptsächlich zum Chatten und Spielen benutzt wurde. Der Begriff Spammen wurde dort verwendet, wenn der Computer mit so vielen Daten überschwemmt wurde, bis er abstürzte. Der Begriff tauchte auch im Zusammenhang mit "spamming the database" auf. Damit war gemeint, dass viele Objekte per Script statt mit der Hand in die Datenbank eingetragen wurden.
Es gibt auch Hinweise, dass der Begriff Spam in noch früheren Chatsystemen um 1980 entstanden ist, z.B. im Bitnet's Relay Chat. Ehemalige BBS-User geben sogar an, dass Spam nichts mit dem Monty Python Sketch zu tun habe, sondern bei ihnen eine Abkürzung für ein "Single Post to All Messagebases" war. Allerdings gibt es dafür keinen Beweis.
Aussagekräftiger ist ein indirekter Hinweis in einem Bericht auf einen MUD-User, der im Jahr 1985 über ein Keyboard-Makro immer wieder "Spam, Spam, Spam" schrieb, bis er hinausgeschmissen wurde.

Im Usenet tauchte der Begriff wahrscheinlich erstmals am 31. März 1993 auf, als der Usenet Administrator Richard Depew durch einem Bug in seiner Software, die er austestete, versehentlich 200 mal dieselbe Nachricht in einer Newsgroup postete. Dies wurde dann von Joe Fury, einem MUDder, als Spam bezeichnet und von da ab im Usenet als Begriff übernommen.

Wie alt ist Spam nun wirklich?

Wo auch immer der Ursprung des Wortes Spam liegt, sicher ist, dass Spammen in der heutigen Bedeutung im Internet schon viel früher begann, auch wenn es damals noch nicht Spam genannt wurde. Demnächst können wir schon den 25. Geburtstag dieser zweifelhaften Errungenschaft feiern.

1978, als das Internet noch Arpanet hieß und nur vergleichsweise wenigen Usern zur Verfügung stand, wurde die erste Massenmail verschickt. Gary Thuerk, ein Marketingexperte der Firma DEC schickte am 3. Mai eine Nachricht an alle Arpanet-User der Westküste der USA. DEC, die später von Compaq aufgekauft wurden, war führend in der Herstellung von Minicomputern. Sie dienten als Plattform für die Entwicklung unter anderem von Unix und C.
Thuerk wollte potentiellen Kunden mitteilen, dass sie in ihrem neuen Computer DEC-20 die Unterstützung des Arpanet-Protokolls integriert haben. Das Problem war, dass DEC eine East-Coast-Company war und an der Ostküste den neuen Computer sehr gut vermarkten konnten, während es an der Westküste nur wenige Geschäftspartner gab.
So kam Gary Thuerk auf die Idee, das Arpanet für die Werbung zu nutzen. Schließlich wären die Arpanet-User genau die Zielgruppe für das Produkt.

Spammen war in diesen Zeiten noch anstrengend, denn Empfängeradressen lagen nur in Form einer gedruckten Liste vor. So musste ein Angestellter alle Adressen per Hand eingeben.
Doch dabei passierte ein Missgeschick. Der Angestellte und auch Thuerk wussten nicht, dass die Felder "To" und "CC" bei SNDMSG begrenzt waren. Als das "To"-Feld voll war, wurden die Adressen in CC weiter geschrieben, als diese voll waren, wurden sie im Bodybereich der Nachricht weiter geschrieben. Die Adressen, die im Body standen, bekam die Nachricht natürlich nicht. So erreichte die Nachricht nur 320 der Empfänger. Als Thuerk dies merkte, ließ er die Nachrichten noch einmal an die restlichen Adressen senden.

Die Reaktionen auf diesen ersten Spam waren nicht viel anders als heute. Neben wütenden User-Reaktionen wurden DEC und Thuerk von der DCA, die Arpanet unterhielt, aufs schärfste verwarnt.

Was hat das alles mit Richard Stallman zu tun?

Nun, unter den Reaktionen auf die erste Spammail findet sich bemerkenswerter Weise eine Nachricht, die die Spammail als fortschrittlich, als eine interessante Möglichkeit einschätzt und den ganzen Wirbel darum nicht recht verstehen kann. Diese Nachricht stammt von einem damals noch unbekannten, jungen Softwareentwickler namens Richard Stallman. Etwas später stößt er sich lediglich daran, dass der Header so lange ist, dass Empfängeradressen in den Bodybereich weiter geschrieben wurden. Somit dürfte Stallman eigentlich nicht nur als Gründer des GNU-Projektes in die Geschichte eingehen, sondern auch als erster Befürworter von Spam.

Für Sie könnte auch interessant sein:

Quellenverzeichnis:
Therks Spamnachricht und einige Reaktionen, darunter Stallmans
Geschichte des Spams
Canters Spammail
Interview mit Canter
Der Begriff Spam
zurück