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18. April 2004 UC-Hauptseite Forum Impressum Nr. 37 / 16. Woche

Die Bequemlichkeiten des Martin K. - Oder wieviel Überwachung braucht der Mensch

von Tom Malone

Martin Robert König war jemand, den man im alten Sprachgebrauch als "Otto Normalbürger" bezeichnet hätte. Verheiratet, 2 Kinder, ein schönes Haus am Stadtrand, einen vernünftig bezahlten Arbeitsplatz im Stadtarchiv. Nichtraucher, nur ab und an mal ein Gläschen Wein. In den Datenbanken der Europol war noch nie etwas gegen ihn gespeichert worden. Ein ganz normales Schäfchen in der Herde also.

Eines schönen Tages geschah etwas in Martin Königs Leben, was das Schäfchen-Image nachhaltig verändern sollte. Alles begann ganz harmlos: Nach der Arbeit ging Martin König zur Bank. Der Bargeldautomat war leider defekt, so daß er das Geld am Schalter holen musste. "Ich bitte vielmals für die Umstände um Entschuldigung", sagte die Schalterangestellte. "So etwas erleben wir hier auch nicht jeden Tag. Unsere gesamte Software spielt verrückt. Was kann ich für Sie tun?" Martin bat um 500 Euro in kleinen Scheinen, die die Angestellte natürlich sofort von Martins Girokonto abbuchte.

Bei den Euroscheinen war nichts mehr, wie es mal war. Es gab keine Gesichter berühmter Persönlichkeiten mehr und auch der Silberstreifen und das Wasserzeichen waren verschwunden. An ihre Stelle ist ein RFID-Tag getreten. Jeder einzelne Schein ist also inzwischen zu identifizieren und einer Person bzw. einem Einkauf zuzuordnen.
Zum Einkaufen ging es nun also. Martins Frau hatte ihm noch während der Arbeit eine umfangreiche Einkaufsliste auf den Kommunikator geschickt. Schon lange hatte sich der örtliche "Ortem" zum Einkaufen angeboten. Seit es diese Rabatte gab, die man auf den Einkauf mit Kundenkarte bekam, waren auch die Königs dort Stammkunden. Regelmäßig gab es auch Mails mit aktuellen Sonderangeboten, die genau mit den Wünschen der Königs übereinstimmten. Auf dem Parkplatz des "Ortem" traute Martin seinen Augen kaum: Er fand einen brandneuen 50 Euro-Schein, der neben seinem Auto lag. Beschwingt erledigte Martin seine Einkäufe.

Mit gezückter Kundenkarte erstmal hin zum Einkaufswagenstand. Seit die Einkaufswagen nur noch mit eingesteckter Kundenkarte funktionierten, gab es wesentlich weniger defekte unter ihnen. Jeder Defekt konnte ja nun problemlos dem Verursacher zugeordnet werden. So waren die Kunden wesentlich sorgfältiger mit ihrem Transportmittel. "Herzlichen Willkommen, Herr König!" So knarzte es Martin aus einem Lautsprecher am Eingang entgegen. Alle Kunden wurden direkt mit Namen begrüßt. Anonym ging das alles nicht mehr. Aber wenigstens die Kassen waren noch richtig altertümlich. Freudig lächelnd wurde man dort von einer Kassiererin begrüßt, die tatsächlich noch aus Fleisch und Blut war. Auch in anderer Hinsicht blieb man dem veralteten Vorbild treu: Man konnte noch mit Bargeld zahlen, wenn man denn wollte. Nicht mehr viele Märkte folgten diesem Beispiel. Bei "Ldil" oder "Ilda" gab es weder Kassierer noch die Möglichkeit, mit echtem Bargeld zu hantieren.

Nachdem Martin seinen Wagen mit den gewünschten Artikeln vollgepackt hatte, stellte er sich also an der Kasse 1 an. "Guten Tag, Herr König. Na, mal wieder die Besorgungen für ihre Frau?", lächelte ihm die Kassiererin entgegen. "Jaja, ganz genau", lächelte Martin zurück und war froh, das er sich diesen persönlichen Service hier leisten konnte. "Das macht dann 95 Euro und 33 Cent." Martin legte den gefundenen 50 Euroschein und noch einen weiteren aus seinem Geldbeutel in die Hand der Frau. "Ihr Rückgeld verbuchen wir dann wie gewohnt, Herr König", sagte die Verkäuferin, als sie plötzlich stutzte. Das RFID-Lesegerät fing an zu leuchten. "Oh, Herr König. Darf ich Sie bitten, kurz zu warten?" Martin dachte sich nichts dabei und fragte sich, was ihn jetzt wohl erwarten würde.

Zwei Sekunden später fand er sich am Boden wieder, die Hände auf den Rücken gebunden und ein kräftiges Knie auf der Wirbelsäule. "So, Du kommst jetzt mit, Abschaum." Ehe Martin auch nur einen Ton von sich geben konnte, wurde er durch eine Tür mit der Aufschrift "Privat" gestossen, die sich umgehend hinter ihm und seinem Begleiter schloss. Man konnte noch das Einschnappen des Schlosses hören. "Was....", versuchte Martin zu fragen, doch der Mann unterbrach ihn: "Das kannst Du alles der Europol erzählen".

Martin Robert König fand sich nun im Europolrevier der Stadt wieder. Ein Polizist hatte sich als Kommissar Schoppmann vom Dezernat für Finanzverbrechen vorgestellt. "So, Herr König, raus mit der Sprache. Für wen arbeiten Sie? Oder sind Sie vielleicht sogar der Auftraggeber für Argon?" "Aber ich habe doch nichts..." Der Polizist fiel ihm ins Wort: "Natürlich haben Sie. Oder wollen Sie etwa leugnen, das Sie diesen 50 Euro-Schein in ihrem Besitz hatten? Mit Hilfe der RFID-Tags können wir das problemlos nachweisen." "Nein, ich will nicht leugnen. Aber ich habe ihn doch gefunden." "Gefunden nennen Sie das also. Ich sage Ihnen was", der Kommissar zog an seinem Zigarillo,"dieser 50 Euro-Schein war bis vor kurzem noch im Besitz von Helmut Argon. Wissen Sie, was der gerade macht?" Schoppmann schlug mit der Faust auf den Tisch und gab sich selbst die Antwort:"Er sitzt im Gefängnis! Und zwar wegen Geldwäsche. Er hat versucht Geld zu waschen, welches aus einem Beutezug der Gung-Ho-Triaden stammt." Der Polizist lächelte zufrieden. "Seit der Einführung der RFID-Tags ist unsere Arbeit leicht geworden. Und Sie können sich gleich zu Ihrem Kollegen Argon gesellen. Die Beweise sind eindeutig."

Ob der Irrtum aufgeklärt wurde, ist nicht überliefert. Namen und Handlung sind selbstverständlich frei erfunden. Doch die Handlung gibt das wieder, was mit den sogenannten RFID-Tags möglich ist. RFID steht für "Radio Frequency Identification", also die Möglichkeit einen Gegenstand über Funk zu identifizieren. Die Entwickler dieser Technologie haben es inzwischen so weit gebracht, das das entsprechende Gerät als winzig kleiner Computerchip inklusive Antenne auf jedem beliebigen Produkt angebracht werden kann. Nach Planungen einiger großer Unternehmen wie Metro, IBM, Intel, HP und Philips sollen diese Chips in absehbarer Zeit den Barcode ersetzen, der heute noch die Identifizierung von Konsumartikeln möglich macht. Im Gegensatz zum Barcode, der z. B. an Supermarktkassen mit Barcodescannern eingelesen werden muss, können RFID-Chips auf einige Entfernung ausgelesen werden. Ein entsprechendes Lesegerät machts möglich. RFID-Tags sind darüber hinaus nicht nur eindeutig einer bestimmten Palette oder einer bestimmten Artikelart zugeordnet, sondern kodieren jeden einzelnen Artikel (also z. B. einen einzelnen Joghurtbecher) mit einer eindeutigen Identifizierungsnummer. Durch den Einsatz von RFID-Chips in Geldscheinen, Kundenkarten und Ausweispapieren lassen sich also problemlos sämtliche Bewegungen und Transaktionen eines einzelnen Konsumenten nachverfolgen. Auch die optische Überwachung lässt sich durch RFID problemlos optimieren. Anhand von RFID-Tags in Kleidung und Schuhen kann man jederzeit jeden beliebigen Passanten anpeilen und ihn direkt mit Kameras ansteuern.

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Weiterführende Informationen zum Thema RFID findet man z. B. unter:
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