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15. Dezember 1999 UC-Hauptseite Forum Impressum Nr. 37 / 51. Woche

Marco Börries - eine Garagengeschichte aus Lüneburg

IT-Geschichte von Susanne Fiedler

Gehört Marco Börries eigentlich zur IT-Geschichte? Schließlich ist er gerade einmal 33 Jahre alt. Das scheint vielleicht noch etwas zu früh sein. Doch schon jetzt ist abzusehen, dass der Mann hinter Star-Office einmal als Person in die IT-Geschichte eingehen wird, die Microsoft die Stirn bot und auch das Fürchten lehrte. Und als Erfinder von Star-Office ist er jetzt schon IT-Geschichte, schließlich bezeichnete ihn ?Die Zeit? bereits vor sechs Jahren als Dinosaurier.
Wer ist der Deutsche, der zu einer Zeit, als die großen Fortschritte im IT-Bereich in den USA gemacht wurden, in Lüneburg ein erfolgreiches Softwareunternehmen aus dem Boden stampfte?

Es war einmal ein kleiner Junge, der in Lüneburg aufwuchs und bereits in den frühen 80er Jahren einen Heimcomputer hatte, auf dem er aber eher lustlos herumtippte, denn er fand ihn relativ langweilig. Selbst Spiele, die damals jedes Herz eines Jugendlichen höher schlagen ließen, rissen ihn nicht vom Stuhl. Erst als er merkte, dass man mit dem Computer Geld verdienen konnte, wurde die Maschine interessant für ihn. Es zeigte sich, dass er schon im zarten Teeny-Alter sehr geschäftstüchtig war, indem er - nach seinen Aussagen legal - amerikanische Software kopierte und über Kleinanzeigen verkaufte. Es wird beschrieben, dass er schon damals monatlich rund 300 DM Gewinn gemacht haben soll.

Im Rahmen eines Schüleraustausches kam er ausgerechnet nach Paolo Alto, Silicon Valley in die USA. Zufällig, wie er betonte. Nicht auszudenken, wie sich sein Leben entwickelt hätte, wenn er woanders hin gekommen wäre! Voller neuer Ideen aus der damals weltweit einmaligen pulsierenden IT-City teilte er noch aus Amerika seinen Eltern mit, dass er die Schule schmeiße und nun eine Firma gründen wolle. Seine erschreckten Eltern beorderten erst einmal ihren Sprössling nach Lüneburg zurück und zwangen ihn weiter auf die Schule zu gehen. Nebenher verfolgte Börries jedoch zielstrebig seine Pläne. Da er selber nicht ausreichend programmieren konnte, suchte er über Kleinanzeigen gegen Geschäftsbeteiligung einen Programmierer, der seine vielen Ideen in die Tat umsetzten konnte. Zu seinen ersten Programmen gehörte eine Software für die damals populären Schneider-Computer, mit deren Hilfe Schriften und Grafiken vierfarbig auf dem Computer erschienen, wo vorher trostlose Einfarbigkeit war. Das Programm wurde ein Erfolg.
Er war nie der Programmierer, sondern der Kopf der Entwicklungen. Er hatte Ideen, setzte sie in einem minutiös ausgearbeiteten Plan um und nach diesem erschufen von ihm beschäftigte Programmierer neue Software. Eine Symbiose entstand, Börries war der Ideengeber und Geschäftsmann, die Programmierer, die kein Händchen für Geschäfte hatten, konnten so dennoch ihre Fähigkeiten in Geld umwandeln.

Mit sechzehn gründete er 1985 die Firma Star Division. Das Startkapital für seine Garagenfirma waren 2000 DM - ein Geschenk zur Konfirmation. Nachdem die Firma schnell florierte, blieb er immer öfter dem Unterricht fern. In der elften Klasse verließ er schließlich die Schule, denn "Was ich wissen muss, lerne ich in der Praxis", war seine Devise. Die Firma entwickelte erst den StarWriter, dann auch nach und nach die anderen Komponenten von StarOffice. "Die Welt braucht eine Alternative zur Software von Microsoft," stellte Börries damals fest. Schon im ersten Jahr hatte er mit seiner Software einen Millionenumsatz. Seine Eltern kündigten ihre Arbeit und halfen dem Sprössling in seiner Firma. Die Mutter führte die Bücher, der Vater organisierte den Geschäftsablauf. Die Firme explodierte förmlich. Schon in den ersten zwei Monaten 1987 hatte Star Divison den Gesamtumsatz des vorhergehenden Geschäftsjahres erreicht.

Was ist der Grund dafür, dass StarOffice und seine offene Version, OpenOffice, als einzige Office-Software Microsoft die Stirn bieten konnten? Wordstar, Smart Suite, Wordperfect Office, alles Software mit einstmals wohlklingendem Namen, sind heute bedeutungslos.
Ein Grund ist sicherlich die fast perfekte Mimikry von StarOffice im Vergleich zum Marktführer MS-Office. Es sieht fast genau so aus wie der große Konkurrent, und wenn man sich Microsofts Gestaltungsrichtlinie, den sogenannten Style Guide einmal anschaut, dann setzen die Entwickler von Star Division diese oft noch päpstlicher um als die Redmonder Urheber.

Im Gegensatz zu Microsoft liegen Börries Programme für alle wichtigen Betriebssysteme vor, ein Vorteil, der ihm nun zu Gute kommt. Ein Austausch über alle Plattformen hinweg, das Internet als zukünftiger Ort der virtuellen Büros, das war eine Vision, die Börries schon hatte, als Microsoft noch verzweifelt versuchte, den verlorenen Boden auf dem Browsermarkt wieder gut zu machen.
Börries hatte schon früh die Idee des ortsunabhängigen Büros. Teile der Office-Software oder sogar alles sollte auf Servern zur Verfügung gestellt werden. Gegen eine monatliche Grundgebühr wird die jeweils benötigte Software via Internet zur Verfügung gestellt. Neue Softwareversionen wären auch nicht mehr nötig, weil die jeweiligen Verbesserungen sukzessive auf die Server aufgespielt werden, sodass jedem Kunden, ohne dass er sich ständig neue Versionen seiner Software kaufen muss, immer die aktuellste Version zur Verfügung steht.

Diese Vision lockte schließlich Sun an. Als Marktführer im Internet-Server-Geschäft sah Sun das Potential von StarOffice und der Vision seines Erfinders. Sun kaufte StarDivision, mehrere zig Millionen flossen in Börries Taschen. Fortan sollte er seine Visionen für Sun haben. Sun gab Börries einen hohen Posten im Unternehmen. Doch für Börries war es schwer, nicht mehr sein eigener Chef zu sein, der freie Hand hatte. Die Strukturen waren ihm zu schwerfällig.
Er bereitete noch ein letztes Mal einen Weg für seine Vision, indem er Sun dazu brachte, StarOffice auch als OpenSource-Projekt OpenOffice anzubieten. Der Gedanke war, dass man in Zukunft das Geld nicht mehr mit der Software machen würde, sondern mit den Diensten, die diese bereitstellten. Dazu braucht man aber Server. Sun ist heute der absolute Marktführer im Internet-Server-Geschäft. Wenn man davon ausgeht, dass Software in Zukunft via Internet zur Verfügung gestellt wird, dann braucht man dafür Server und Speicher. Börries verglich die Vorgehensweise mit einem Rasierklingenhersteller: ?Wir haben hier etwas ähnliches wie ein Rasierklingenhersteller. Er gibt den Rasierer günstig ab, um mehr Klingen zu verkaufen. Bei uns ist der Rasierer die Software, und die Server sind die Klingen.?

Nachdem er sich damit bei Sun durchgesetzt hatte, kündigte er 2001. "Nach 16 Jahren ununterbrochener Unternehmertätigkeit", verkündete Börries völlig überraschend, "will ich zwei Jahre Auszeit mit meiner Familie genießen." Er hielt genau vier Monate durch.

Im August 2001 gründete er im Silicon Valley sein neues Unternehmen Verdisoft, mit dem er schier Unglaubliches leisten will: Das Team um Börries will eine Art Dolmetscher-Software entwickeln, die es endlich ermöglichen soll, dass die Geräte verschiedener Hersteller einander verstehen und problemlos untereinander Daten austauschen können. Sollte ihm das gelingen, wird er endgültig in den Olymp großer It-Persönlichkeiten eingehen. Es würde nicht verwundern, wenn er es schafft. "Mit Leistung kann man alles erreichen," hat er schließlich schon als 18-jähriger festgestellt.

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