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09. März 2003 UC-Hauptseite Forum Impressum Nr. 37 / 10. Woche

Netzgeflüster: Microsoft Longhorn

von Susanne Fiedler

Da war es diese Woche wieder einmal soweit. Irgendwelche bösen Microsoft-Betatester haben also ihre Version von Longhorn Milestone 4, Build 4008, dem Windows XP-Nachfolger, illegaler Weise an die Webgemeinde weitergegeben. Und schon glühen mittels Esel und IRC die Leitungen und der Crack, um die Anmeldung zu umgehen, wird auch gleich mitgeliefert. Es ist davon auszugehen, dass inzwischen weltweit Tausende diese Betaversion von Longhorn neugierig testen. Erstaunlicherweise wurde in den bekannten Medien nur wenig bis gar nicht über das neue Build berichtet. Dafür sind im Netz umso mehr Berichte zu finden. Zeit für eine kleine Zusammenfassung des Longhorn-Netzgeflüsters.

Build 4008 – Echt oder Fake?

Jim Cullinan, der Windows-Product-Manager, hat inzwischen die Echtheit der Version bestätigt aber auch gleichzeitig darauf hingewiesen, dass zu den Features noch keine Aussage gemacht werden kann, da sie sich bis zum Final Release noch stark verändern können.

Auf den ersten Blick

Die Installation scheint noch stärker vereinfacht und beschleunigt worden zu sein. Im Netz wird die Dauer der Installation mit rund 10 Minuten angegeben. Sie ist zudem rein grafisch aufgebaut, Textmeldungen scheinen zu entfallen. Der Windowsuser, von Usern anderer Betriebssysteme eh schon belächelt, muss somit für die Installation nicht einmal mehr Lesen können.
Dafür zeigt sich die Oberfläche schick in 3D, aufbauend auf der neuen 3D-Technologie von Avalon, die eine fotorealistische Darstellung ermöglichen soll. Standardmäßig erinnert der Desktop nicht nur von der Farbgebung her stark an XP, nicht mehr ganz so bunt, aber immer noch im Bonbonstil.
Am auffälligsten ist die Sidebar mit einer überdimensionalen Uhr. Anfangs erscheint sie relativ nutzlos, denn bis auf ein paar Links und eine nette Slideshow beinhaltet sie neben der Uhr nichts Weiteres. Doch die Gerüchte sagen, dass die Sidebar den Startbutton, die Programme und auch die Funktionen der Taskleiste ersetzen könnte. Schon jetzt können diese Funktionen in die Sidebar integriert werden. Auch MSN 8–ähnliche Features, wie einen Kalender, das Wetter, die Börsendaten, aber auch die Favoriten und der Posteingang sollen integrierbar sein. Manchen Informationsjunkies mag das gefallen, doch für all diejenigen, die lieber mehr Platz auf ihren Monitor haben, bleibt zu hoffen, dass es in der Final Version auch eine schlankere Alternative gibt, denn nicht jeder mag an einem Computer a la Bloomberg-Fernsehen arbeiten. In diesem Build lässt sich die Sidebar noch abschalten oder sie kann auf weg-sliden eingestellt werden.
Screenshots von Longhorn in dieser Version können über die unten angegebenen Adressen angesehen werden.

Die Technik im Bauch

Die bisherigen Dateisysteme FAT32 und NTFS sollen durch ein neues System namens WinFS (Windows Future Storage) abgelöst werden. In Build 4008 soll WinFS aber noch nicht funktionstüchtig integriert sein. Allerdings deuten die bereits integrierten Features wie Windows Future Storage Services und Windows Storage Full-Text Index schon einmal die Richtung an. Die Suche wird erleichtert, denn nun kann auch nach Kommentaren, Kategorien oder Subjects gesucht werden und zwar unabhängig wo und wie die Daten gespeichert wurden, denn die Daten wie Dokumente, Emails oder Kontakte werden wie in einer Datenbank zusammengefasst und können so von überall her abgerufen werden.
Allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis die Vorzüge von WinFS bemerkbar sind. Denn echte Vorteile soll WinFS erst in Windows Server bringen, der allerdings erst für 2006 angekündigt ist. Einen Vorgeschmack auf das WinFS-Feeling soll es bereits mit dem SQL-Server Yukon geben, der für Ende 2003 erwartet wird.

Änderungen in der Hard- und Softwareverwaltung

In der Systemsteuerung gibt es eigene Hardware- und Device-Steuerungen sowie einen integrierten Downloadmanager.

Microsofts Umsetzung des Trustworthy Computing

Microsofts "Sicherheitssystem" Palladium soll weitestgehend umgesetzt sein. Beim Bootvorgang wird die Hardware und der Besitzer des Rechners untersucht und die Daten verschlüsselt auf der Festplatte gespeichert. Danach überwachen spezielle Kontrollen den gesamten Datenfluss vom und zum Rechner.
Da hört sich der "Logon Hours" - Service schon weit harmloser an. Dort kann beispielsweise eingestellt werden, dass sich der Computer zum Beispiel nur zu bestimmten Uhrzeiten in Betrieb nehmen lässt.
Mit dem "Digital Rights Management" können die User Einschränkungen genauer definieren, die dann bei der Weitergabe oder Nutzung von digitalen Inhalten greifen.

Fazit

Das Internet surrt über Longhorn. Doch sollte man die Kirche im Dorf lassen. Denn die kursierende Version ist noch weit von einer Beta entfernt. Wie Jim Cullinan schon sagte, ist noch das meiste offen. Build 4008 ist nichts weiter als ein Zwischenbericht. Zudem sollen darin noch nicht einmal die Zwischenergebnisse aller an Longhorn beteiligter Arbeitsgruppen zusammengefasst sein.
Tendenzen mögen abzusehen sein, doch mit einer Beta ist frühestens in einem halben Jahr zu rechnen. Wann Longhorn erscheinen soll, ist noch reine Spekulation. War bei Microsoft zuerst von 2003/04 die Rede, wird nun nur noch von 2004 gesprochen. Doch nicht wenige Gerüchte besagen, dass der Launch vielleicht sogar erst 2006 zeitgleich mit Windows Server erfolgen soll, um eine volle Integrität garantieren zu können. Darauf könnte auch die Jahresangabe 2006 hindeuten, die laut Testern in "About Windows" steht.
Was lässt sich also jetzt schon sagen? Die wichtigste technische Neuerung WinFS ist noch nicht integriert, viele Sachen sind noch nicht optimiert, so wird berichtet, dass einzelne Features 100 MB Ram und mehr benötigen. Dafür können wir schon einmal an der "Brave New World" Palladium schnüffeln, einer Sache, die vielen Usern stinken dürfte. Und ansonsten sieht Longhorn in diesem Stadium eher wie ein etwas aufgepepptes Windows XP aus als ein neues Betriebssystem, aber kennen wir das nicht schon irgendwoher?



Persönliches Nachwort am Rande:

Microsofts Dummheit oder genialer Schachzug?

Unbedarfte lächeln über Microsoft, dass man dort angeblich so dumm ist und das Sicherheitsloch Betatester nicht stopft. Es ist wohl eher anzunehmen, dass die Herren bei Microsoft zufrieden lächeln. Schwupps, da ist ihnen ein Milestone entschlüpft, wie furchtbar! Es war ja bei der Masse der praktisch ungeprüften Betatester auch nicht vorhersehbar. Da hat man nun tausende von weiteren Testern, die nichts kosten, nicht mal einen Final Release. Da kann man hervorragend zukünftige Kunden anfüttern. Da ist das nächste große Produkt mal wieder tagelang in den Medien, denn was gibt es schöneres zu berichten, als dass Microsoft mal wieder ein Faux Pas passiert ist? Tester, Kundenbindung und Werbung in einem Streich – und alles völlig kostenlos, was kann es Schöneres für ein Unternehmen geben? Ob Microsoft einzelne Betatester für ihre Indiskretion bezahlt? Oder baut man weiterhin noch auf das enorme Mitteilungsbedürfnis der Tester?

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