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03. November 2002 UC-Hauptseite Forum Impressum Nr. 37 / 44. Woche

Dvorak, der Akkord und die Tastatur

IT-Geschichte von Susanne Fiedler

Sie ist Grund für unnatürliche Fingerverrenkungen, die Verursacherin für unzählige Sehnenscheiden-Entzündungen und bringt nicht wenige beim Erlernen ihrer Bedienbarkeit zur Verzweiflung: die Computertastatur. Wer sich mit den kleinen Fingern mal wieder zu unzähligen Tasten gehangelt hat, wird sich früher oder später die Frage stellen, wer dafür verantwortlich ist und warum die Tasten so angeordnet sind.
Begeben wir uns zurück zu den Wurzeln der Tastatur, zu den Anfängen der Schreibmaschine. Obwohl es schon seit 1713 Schreibmaschinenpatente gab, dauerte es bis Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, dass die Schreibmaschine ihren Siegeszug antrat. Bis dahin waren alle Schreibmaschinenmodelle wegen ihrer schlechten Bedienbarkeit im täglichen Einsatz nahezu unbrauchbar. Erst die Sholes & Glidden Schreibmaschine 1873 konnte Erfolge feiern. Neben den relativ handlichen Ausmaßen war es vor allem die von Christopher Latham Sholes entworfene Tastatur, die zu einer Alltagstauglichkeit beitrug.


Shoales entwarf die QWERTY-Tastatur, mit deren Tastenanordnung wir auch heute noch schreiben. In Deutschland wurde das Y mit dem Z vertauscht, weil bei uns das Y so selten in der Sprache vorkommt, so dass man bei uns vom QWERTZ-System spricht. Die diagonale Versetzung der Tasten ist durch die Mechanik begründet, doch die Buchstaben-Tasten-Zuordnung war erst einmal willkürlich.
Viele Gerüchte ranken sich um den Grund für die QWERTY-Tastenanordnung. Wohl am bekanntesten ist die Erklärung, dass Shoales ein zu schnelles Schreiben auf seiner Tastatur verhindern wollte, denn die damaligen Machanik verhakten sich gerne. Begründet wird dies damit, dass die Buchstaben die am häufigsten geschrieben werden mussten, entweder weit auseinander oder bei den schwächeren Fingern lagen.
Dieser Mythos ist jedoch falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall, Sholes wollte es den Schreibern ermöglichen, schneller auf der Schreibmaschine zu tippen. Sein erstes Modell von 1868 hatte noch eine alphabetische Anordnung der Tasten. Doch schon bald stellte sich heraus, dass sich hier die Typenarme viel zu oft verhakten und der Schreiber mehr mit dem Sortieren der Arme zu tun hatte, als mit dem Schreiben selbst.
So setzte sich Sholes mit einer Studie auseinander, die Amos Densmore zu der Häufigkeit von Buchstabenpaaren in Wörtern erstellt hatte. Sholes verteilte daraufhin die Tasten so, dass häufige Buchstabenkombinationen möglichst weit in seiner Mechanik auseinander lagen. Diese Anordnung ließ er sich dann 1878 patentieren. Schon vorher, 1874 ließ er bei dem Waffenhersteller Remington seine Schreibmaschinen in Masse produzieren.

Für die Vergangenheit sicherlich nachvollziehbar stellt sich nun aber in unserer Zeit die Frage, wie konnte diese Tastenanordnung, die so verzwickt, so uneffizient und konfus ist, bis heute überleben?
Das QWERTY-Beispiel führen Ökonomen gern an, um die Theorie der "path dependence" zu belegen, der Abhängigkeit von dem Pfad, den man einmal eingeschlagen hat. Diese Theorie besagt, dass sich mehr oder weniger zufällig auf dem Markt bestimmte Standards durchsetzen, die nicht unbedingt die beste Lösung sein müssen. Aber sobald sie sich etabliert haben, sind sie kaum mehr zu verdrängen. Als Zeitpunkt solch einer Etablierung wurde bisher der berühmte Schnellschreibwettbewerb am 25. Juli 1888 in Cincinnati angeführt, in dem Frank McGurrin auf einer Remington mit QWERTY-Tastatur gegen Louis Taub, der auf einer Calligraph-Schreibmaschine tippte, antrat und haushoch gewann. Das lag aber nicht unbedingt an der QWERTY-Tastatur der Remington, sondern weil McGurrin der Erste war, der in einem Zehnfingersystem tippte, während Taub mit dem damals üblichen Adler-Suchsystem schrieb. Später gab es durchaus auch Schnellschreibwettbewerbe, in denen Schreiber auf anderen Tastatursystemen gewannen.
Untersuchungen der beiden Wissenschaftler Stan Liebowitz und Stephen Margolis zeigten, dass der Markt der unterschiedlichen Tastaturen noch bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts offen war. Doch alle anderen Systeme verpassten es, mit geeigneten wissenschaftlichen Studien und überzeugenden Vorführungen auf sich genügend aufmerksam zu machen, sodass sich das QWERTY-System immer mehr etablierte.

August Dvorak, Professor an der University of Washington, veröffentlichte 1936 seine Studien, die zur Dvorak-Tastatur führten. Bei dieser Tastatur liegen die Vokale und am häufigsten genutzten Konsonanten in der Grundstellungsreihe. Die Vorteile der Tastatur scheinen auf der Hand zu liegen: 70% der am häufigsten getippten Buchstaben liegen auf der Grundstallungsreihe, bei QWERTY sind es nur 31%. Das bedeutet geringere Tastwege. In Amerika wurde berechnet, dass man auf einer Dvorak-Tastatur nur eine Meile Tastewege pro Tag zurücklegt, während es bei dem QWERTY-System 16-20 Meilen wären. Der meistzitierte Beleg für eine Überlegenheit des Dvorak-Systems ist eine Studie der US-Navy aus dem Zweiten Weltkrieg. Danach könnten Stenotypisten und Sekretärinnen auf Dvorak-Maschinen erheblich schneller schreiben. Die Kosten der Umschulung von QWERTY auf Dvorak könnten sich binnen zehn Tagen amortisieren und zu einem Gewinn von etwa 2200 Prozent pro Jahr führen.
Erstaunt fragt man sich, warum die gewinnfixierten amerikanischen Unternehmen und auch die Navy nicht auf die Dvorak-Tastur umstiegen. Liebowitz und Margolis fanden jedoch heraus, dass die Navy-Studie ein Auslöser für die Wirtschaft war, sich näher mit der Dvorak-Tastatur zu befassen. Es stellt sich heraus, dass die Navy-Studie 1944 nicht mit wissenschaftlichen Standards erstellt wurde und die Ergebnisse somit nicht aussagekräftig waren. Die damals danach hauptsächlich von Unternehmen in Auftrag gegebenen Studien zeigten, dass die Dvorak-Tastatur aus ökonomischer Sicht keinen Vorteil brachte. In nicht wenigen Studien lag sogar das QWERTY-System ganz leicht vorne. Anders sieht es jedoch auch physiologischer Sicht aus. Es ist erwiesen, dass die Dvorak-Tastatur die Sehnen weit weniger belastet. Doch das hat wohl nicht ausgereicht, dieses System durchzusetzen. So nutzt heute nur eine Minderheit und einige Personen mit Sehnenproblemen Dvorak.

Ein weiterer Angriff auf das QWERTY-System erfolgte in den 60er Jahren durch Douglas Engelbart, dem Erfinder der Computermaus. Er forderte eine Einhandtastatur, weil man sonst nicht gleichzeitig Tippen und mit der Maus arbeiten könnte. So wurde die Akkord-Tastatur erfunden. Sie besteht aus nur wenigen Tasten, auf der man durch klavierähnliches Drücken von Akkorden die Buchstaben ansteuern konnte. Tatsächlich wäre mit diesem Eingabegerät eine höheres Arbeitstmpo möglich gewesen. Er verglich die Tastatur mit dem Erlernen des Fahrradfahrens. Es ist schwer, Fahrradfahren zu lernen, doch Millionen von Menschen verlassen sich auf das Fahrrad als Transportmittel. Denn wenn der Lernprozess erst einmal abgeschlossen ist, dann kann man die komplizierten Abläufe wie im Schlaf ausführen und die Anwendung macht auch Spaß. Doch da sollte sich Engelbart täuschen. Die User wollten das Akkordsystem nicht lernen, im Gegenteil eine IBM-Studie fand heraus, dass die Computerleute sehr konservativ sind und sich deshalb gegen ein solch revolutionäres System sträubten. Dazu kommt noch, dass ein Großteil nicht bereit sind, ein System, wie das Zehnfingersystem zu erlernen. Und wenn man sich einmal die Akkord-Tastaturen so anschaut, wird wohl jedem klar, dass man mit dem Zweifinger-Suchsystem hier nicht weiterkommt.

Über Jahre hinweg waren die Eingabegeräte für Computer praktisch Schreibmaschinentastaturen. Mit dem Siegeszug der Computer wurde die ursprüngliche Schreibmaschinentastatur für den Computereinsatz weiterentwickelt.
Erste Standards setzte IBM 1983 mit seiner PC/XT-Tastatur. Neben dem schreibmaschinentypischen Buchstaben- und Sonderzeichenblock gab es einen Ziffernblock und den Block für die Funktions- und Cursortasten.
Ab 1985 wurde dann ein 84-Tasten Keyboard, namens PC/AT oder auch MF-I, Standard. Es kam nicht nur die "SYS REQ"-Taste hinzu, sondern auch die Mängel der 83er-Tastatur wurden behoben: Die ursprünglich für so häufig genutzte Tasten viel zu klein ausgefallenen Shift- und Enter-Tasten wurden vergrößert.
Ab 1986 setzte sich der MF-II Standard durch, der noch bis heute der am weitesten verbreitet ist. Das Keyboard hat 102 Tasten, einen zusätzlichen Cursorblock, damit die Zehnertastatur nur für Zahleneingabe genutzt werden kann. Des Weiteren 12 Funktionstasten über dem Buchstabenblock, die Steuertasten ALT, ALT-GR und CTRL neben der Leertaste und Status-LED's zeigen den Status der Umschaltmodi Num-Lock, Scroll-Lock und Caps-Lock an. Die zusätzlichen Tasten führten wieder zur Verkleinerung der linken Shift-Taste.
Mit Windows 95 führte Microsoft eine Tastatur mit 105 Tasten ein. In der untersten Tastenzeile wurden unter Auflösung der Leerräume und Verkleinerung der Leertaste zwei "Windows"- und eine "Lokales Menü"-Taste eingefügt. Diese Tastaturen sind heute auf Windowssystemen Standard.
Auch wenn heute einige Tasten Relikte sind und nie oder fast nicht benutzt werden, wie die "Num Lock", "Rollen" oder "Pause"-Taste, so sind sie doch auf heutigen Tastaturen noch zu finden. Interessant ist in dem Zusammenhang eine überlieferte Aussage eines IBM-Managers, der anknüpfend an die alte Studie gesagt haben soll, dass die Computerleute so konservativ seien, dass eine Veränderung der Tastatur ein Riesending sei und man alles deshalb lieber so belässt, wie es ist.

So werden wohl auch noch viele weitere Generationen mit dem QWERTY-/QWERTZ-System kämpfen müssen. Die im Netz herumgeisternde Ausführung eines stark reduzierten Microsoft-Keyboards, das sich auf die wichtigsten Tasten für Windows-Betriebsysteme beschränkt, wollte Microsoft übrigens nicht bestätigen.
Wo hingegen die Lasertastatur von Siemens wohl in naher Zukunft auf dem Markt kommen wird. Was wohl Sholes dazu sagen würde?

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